Im Jahr 1930 ziehen Katharina und Robert Kahn gänzlich nach Feldberg um, um sich hier auf den Lebensabend vorzubereiten. Doch es wird ein kurzes Glück, denn die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei übernimmt im Januar 1933 die Macht im Deutschen Reich und errichtet innerhalb weniger Monate eine Diktatur. Die antisemitische Ideologie dieser Partei definiert den 1900 evangelisch getauften Robert Kahn als "Volljuden" und seine Ehefrau als "Halbjüdin".
Bereits im Juni 1933 erkennt Kahn: "Meine Rolle als Komponist in Deutschland habe ich natürlich einstweilen ausgespielt. Das bedeutet für mich leider auch eine empfindliche materielle Einbuße." In Feldberg scheint zwar zunächst nicht bekannt zu sein, dass das Ehepaar Kahn nun als jüdisch gilt. Doch der Boykott gegen jüdische Geschäfte im April 1933 und die beständigen antijüdischen Anfeindungen in der deutschen Presse führen die nun drohende Gefahr alltäglich vor Augen. Im Dezember 1933 kommt eine traurige Nachricht aus der Familie hinzu, der Tod der Tochter Dorothea. Als wäre das nicht genug, geht am 27. Dezember 1933 ein Brief nach Feldberg, in dem Robert Kahn sein Ausschluss aus der Akademie der Künste bekanntgegeben wird. Kahn verwahrt sich mutig dagegen – vergeblich. Mancher Kollege versichert ihm seine Sympathie, offen wagt keiner, dem Unrecht seines Ausschlusses aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zu widersprechen. Nach 1934 erfolgt auch Robert Kahns Ausschluss aus der Reichsmusikkammer, der de facto Berufsverbot bedeutet.

Brief von Wilhelm Furtwängler an Robert Kahn vom 2. Juli 1934
Brief von Wilhelm Furtwängler an Robert Kahn vom 2. Juli 1934
- Datum: 2. Juli 1934
- Ort: Berlin W. 35 Graf-Spee-Str. 9
- Transskript:Lieber, verehrter Herr Professor!
Ich hoffte immer, einmal die Möglichkeit zu haben, Sie persönlich zu sprechen. Nun gehe ich in Urlaub und kann Ihnen nur noch auf diesem Wege sagen, wie sehr ich persönlich die Entwickelung Ihrer Angelegenheit bedauert habe. Sie wissen, wie sehr ich und mit mir alle wirklichen Musiker Sie und Ihr Wirken von jeher geschätzt haben und hoffte auch immer, Ihnen über kurz oder lang noch etwas Gutes mitteilen zu können. Aber so, wie die Dinge sich im allgemeinen entwickelt haben, ist ja im Moment nichts zu machen.
Mit herzlichen Grüssen, auch an Ihre Frau, bin ich Ihr [handschriftlich: Wilhelm Furtwängler]
Eine bemerkenswerte Ausnahme vom weit verbreiteten Schweigen bildet ein Schreiben von Wilhelm Furtwängler. Der Dirigent spielte eine ambivalente Rolle in der NS-Dikatur. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war er Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Direktor der Berliner Staatsoper, Vizepräsident der Reichsmusikkammer und auf Hitler vereidigter Preußischer Staatsrat. Gleichzeitig setzte er sich für unerwünschte Musikerkollegen ein und führte auch weiterhin Werke jüdischer Komponisten auf.
Kahn und Furtwängler kannten sich aus dem Berliner Kulturleben, hatten aber keine unmittelbaren künstlerischen Verbindungen. Trotzdem äußert Wilhelm Furtwängler in seinem Brief vom 2. Juli 1934 sein Bedauern über den Ausschluss aus der Akademie. Gleichzeitig deutet er weitere nicht näher erklärte Unterstützung an.
In dieser schwierigen Zeit der zunehmenden Entrechtung und der wachsenden Gefahr, der Jahre ohne öffentliche Aufführungen beginnt Robert Kahn mit seinem größten Werk: